Rosemarie

Rosemarie von Wetler, aus einem alten Grafengeschlecht, dem Hause Habsburg verbunden, ist dominant, beruflich erfolgreich und lesbisch. Geblieben vom ehemaligen Vermögen, sind der Familie ein gemütliches kleines Palais im Zentrum der Stadt, etwas Landbesitz im Süden Niederösterreichs, im angrenzenden steirischen Norden und natürlich der Stolz.

 

Es ist eine laue Sommernacht. In der Wiener Innenstadt, im 9. Bezirk in einer Basenawohnung, im dritten Stock, findet eine orgastische Party statt. Es ist ein typisches Miethaus aus dem 19.Jhd. Die kleine Wohnung, aus Küche, Zimmer und Kabinett bestehend, bietet den ungefähr 60 Personen kaum Platz. Tische gibt es keine, Sessel und Sofas sind Mangelware. Das Einzige was reichlich vorhanden ist, ist Alkohol, in den verschiedenen  Arten.

Es wird intim, man küsst sich, man schmust und wegen der Enge, treiben es die Paare teilweise auch am Gang und im Stiegenhaus. Gekommen sind hetero, lesbische und hauptsächlich schwule Paare. Gegen Mitternacht steigt, der schon beachtliche Lärmpegel noch um einiges. Vergnügungen die ins Schlafzimmer gehören finden aus Platzmangel im Stiegenhaus statt.

Auf einem morschen Canapé, das irgendwie auf den Gang landete, liegt Fritz gerade, noch voll bekleidet, in den Armen eines 26-Jährigen Kerls. Die Knöpfe und der Zipp sind bereits geöffnet. Fritz träumt schon von der sexuellen Erfüllung.

 

„Polizei, Polizei!“, ein Aufschrei hallt durchs Haus.

Die Polizei, von Hausbewohnern zu Hilfe gerufen, stürmt mit einer beachtlichen Zahl das Gebäude. Geschrei und Gekreische, ein unglaubliches Chaos entsteht. Alles drängt zum Ausgang. Die Stiegen hinauf und hinunter. Fritz hat auf dem Sofa, auf dem Schoß des Kerls, mit dem Liebesspiel begonnen. Der Kerl hat seine Hose bereits halb runter gezogen, um stolz seine Erektion zu zeigen. Fritz greift gerade danach, als das Folgetonhorn ertönt. Entsetzt springt er auf, um sich das Hemd wieder in den Hosenbund zu stopfen. Verwirrt schaut er sich um. Er sieht vor sich die Klotür des Gang-WCs und will sich darin verstecken.

„He, Buberl“ ruft Rosemarie dem 17-Jährigen Fritz zu. „Komm mit mir, wir gehen durchs Klofenster raus.“ Die leicht mollige, schwarzhaarige Rosemarie geht ruhig hinter Fritz auf das Klo zu.

 

Die den Ausweg suchenden, teilweise halbbekleideten Menschen, hasten in die entgegengesetzte Richtung. Kaum ist Fritz im WC, als die junge resolute Frau hinter ihm hinein, das Fenster aufreißt, über den Lichtschacht schaut und da sie das gegenüber liegende Klofenster offen findet, Fritz schnappt und hinauf hebt. Fritz quietscht, er hat panisch Angst als er in den 3 Geschoße tiefen Abgrund blickt.

„Da kann ich doch nicht raus, das ist zu tief.“ Für ihn ist das gegenüber liegende Klofenster am anderen Ende der Welt.

„Sollst auch nicht runter, sondern Visasvis ins andere Fenster rein. Es ist im Nebenhaus, dort sucht uns Keiner.“

Rosmarie macht es vor sie steigt auf das Brett des schmalen Fensters um mit einem Schwung das 2m entfernte, gottseidank offene andere Klofenster zu erreichen.

Drüben angekommen „na was ist komm endlich.“

Fritz reißt die Augen auf, er hat Angst „wenn ich falle?“

„Dummerl tu es endlich.“

Fritz nimmt seinen Mut zusammen er schließt die Augen und springt. „Wenn meine Mutter erfährt wo ich bin, ist es besser ich bin Tod“, ist sein letzter Gedanke.

Fast wäre er abgerutscht, doch Rosemarie fängt ihn und zieht ihn zu sich in das enge Klo hinein. Er rutscht über die Klomuschel nach unten auf den Boden.

„Jetzt habe ich mir meinen Anzug schmutzig gemacht“ jammert Fritz.

„Ach“ staunt Rosemarie. „Das ist deine einzige Sorge? Komm  raus jetzt.“

Rosmarie stellt überrascht fest, dass sich dieser feminine Junge, als sie ihn so umarmt, leicht erregt. „Mensch du bist zimperlicher als ein Mädchen“ lacht sie dabei.

„Dafür bist du ein Kerl. Übrigens im Bett bin ich der aktive Teil“, schmollt Fritz leicht gekränkt.

„Na das werde ich sicher nicht ausprobieren. Ich liebe nämlich Fotzen“, lacht Rosemarie weiter.

 

Sie verlassen das Klo. Im Vorraum dieses Haus, es ist mehr großbürgerlich mit größeren Wohnungen ausgestattet, suchen sie den Ausgang aus der fremden Wohnung. Aus einem anderen Raum tönt Geschnarche  Rosmarie hebt einen Finger an die Lippen um Schweigen anzudeuten. Fritz nickt. Er fingert im Halbdunkel unbeholfen an dem Türverschluss, schafft es aber schneller als es ihnen vorkommt. Da kommt ein vielleicht 50-Jähriger Mann im Pyjama, gerade aus einer der Zimmertüren und reißt entsetzt die Augen auf.

„Sie sollten die Wasserspülung richten lassen“, lächelt ihm Rosemarie zu und zerrt Fritz durch die Eingangstüre. Hinaus und die Stiege runter.

Als sie endlich im Stiegenhaus des Nebenhauses sind atmen sie Beide auf.

„Hu, ich hatte Angst dass einer von denen aufs Klo muss bevor wir draußen sind“, schnauft Rosemarie.

„Das ist ja passiert.“ Fritz beutelt es noch immer vor Angst.

„Die machen noch immer einen Wirbel vorm Haus“, stellt Rosemarie fest.

„Ja lass uns im Stiegenhaus warten bis alles wieder ruhig ist.“

Sie müssen über eine Stunde warten, dann versuchen sie auf die Straße zu kommen, doch die Türe lässt sich auch von innen nur mit einem Schlüssel öffnen.

„Verflucht was machen wir, jetzt“, tobt Rosemarie.

„Es ist fünf Uhr, spätestens um Sieben sperren sie sicher auf, lass uns warten“, schlägt Fritz vor.

„Hm, ja, dumm bist du nicht. Also runter in den Keller.“

„Nein nicht in den Keller“, wimmert Fritz.

„Na, was bist du für ein Kerl?“

„Es genügt dass du einer bist“, schmollt Fritz.

„Gut gehen wir zum Dachboden rauf. Darfst dich bei mir festhalten.“

„Willst mich anmachen“, jetzt lacht Fritz. Seine Anspannung lässt nach. Er wird wieder locker.

„Sicher vielleicht werden wir Freunde, ich lock die Kerle an und du die hübsche Mädchen.“

„Du glaubst das geht?“ Fritz ist nicht überzeugt.

Sie grinst Fritz an. „Das war knapp. Nicht auszudenken wenn womöglich meine Eltern etwas erfahren.“

„Bei dir würde die Polizei sicher nichts unternehmen, aber bei meinen Personalien, geben sie meiner Mutter Bescheid.“

„Wir könnten ja offiziell ein Paar werden. Bist zwar noch jung, aber mein Vater ist froh, wenn ich überhaupt mit einem Burschen aufkreuze.“

„Oh, ja eine gute Idee.“ Fritz ist sofort dafür.

Sie haben Glück, der Hausmeiste sperrt schon um 6 Uhr das Tor auf. Unbemerkt gelingt es ihnen zu entkommen. Sie befinden sich in der Gasse, die jetzt ruhig in der Morgendämmerung daliegt. Fritz folgt, folgsam, Rosemarie in ein kleines Café das für Nacht, oder Morgenschwärmer bereits um fünf Uhr früh aufmacht, um mit ihr ein Frühstück zu nehmen. Während Fritz noch zittert ist Rosemarie die Ruhe selbst.

Sie betrachtet den Jungen der in seinem cremefarbenen Anzug, einem blütenweißen Hemd und der roten Krawatte mit dazu passendem Stecktuch süß aussieht. Die anderen Burschen sind zu dieser Party in zerrissenen Jeans und Jogginganzügen gekommen.

Rosemarie denkt, „was dachte der Knabe wohin er eingeladen ist?“

„Wie alt bist du?“

„Siebzehn, das sieht man mir nicht an, ich schaue älter aus“, strahlt sie Fritz an.

„Nein das sieht man dir nicht an“, heuchelt Rosemarie, die ihm eher 15 Jahre gibt.

 

Wie sie in einem einschlägigen Lokal erfahren, hat die Polizei mehr als 30 hauptsächlich männliche Personen mitgenommen. Damals Anfang der 60er Jahre war Homosexualität noch ein Verbrechen und wenn auch den Meisten nichts nachzuweisen war, so waren sie doch Registriert und mit einem Manko versehen. Fritz ist froh, dass ihn Rosemarie gerettet hat. Sie treffen sich die nächsten Wochen noch mehrmals um über ihr Erlebnis gemeinsam zu lachen.

 

 

„Würdest Du mich heiraten?“ flüstert Rosemarie eines Tages in ihrem Stammcafé Fritz ins Ohr.

Fritz wird rot. Er hat gerade seine Hand einem schönen gleichaltrigen Burschen auf den Schenkel gelegt und ist mit seinen Gedanken bei dem, was er hofft zu bekommen.

„Warum?“, würgt er schließlich heraus.

„Meine Familie macht Stress. Die wollen mich unter der Haube sehn.“

„Rosemarie hatte Heute eine irre Diskussion mit unseren Eltern“, lacht höhnisch der schöne Bursche.

Fritz ist verwirrt. „Ach ihr seid Geschwister?“

„Ja, Stefan ist mein Bruder, übrigens passiv im Bett, also das Richtige für dich.“ Rosemarie grinst kupplerisch.

„Ach, du weißt wie er ist?“ Stefan staunt. Er hat seine Hand auch bereits im Schritt von Fritz, um freudig das große Stück zu ertasten.

Anfangs hat er sich zurückgehalten, da er befürchtet der feminine zarte Junge liebt es ebenfalls passiv. Nun ist er beruhigt, als seine Schwester sein Bettgeheimnis verrät. Er selbst ist maskulin kräftig 185cm groß und wirkt für seine 18-Jahre sehr männlich.

"Wir haben einmal zufällig darüber gesprochen“, murmelt Fritz. „Lass uns gehen.“

Stefan ist einverstanden, er springt auf, Fritz zahlt für Beide und sie lassen die verdutzte Rosemarie am Tisch sitzen.

Fritz und Stefan bleiben einige Zeit zusammen. Natürlich trifft Fritz in dieser Zeit Rosemarie öfter.

 

Als Fritz bei Stefan übernachtet, es geht öfters wenn die Bude sturmfrei, das heißt Stefans Eltern im Landhaus sind, trifft Fritz am Frühstückstisch Rosemarie.

„Ich hab dich schon einmal gefragt. Willst mich heiraten?“

„Fritz ist nicht standesgemäß“ grinst Stefan. „Wenn du ihn als Ehemann präsentierst, gibt’s einen noch größeren Wirbel als die lästigen Fragen zurzeit.“

„Wenn Fritz mir ein Kind macht, müssen sie ihn akzeptieren. Ihr könntet praktisch mit mir gemeinsam leben und wenn ich endlich eine Richtige finde, stellen wir sie als deine Freundin vor“, erklärt Rosemarie.

„Du denkst raffiniert, doch wie soll das mit dem Kind gehen?“, wendet Fritz ein.

„Na wies halt so geht, stell dich doch nicht so an“, faucht Rosemarie.

Der Gedanke Sex mit einem Mann zu haben, ist auch für sie schwer, doch wenn’s gleich klappt, hat sie endlich alle Probleme gelöst. So glaubt sie wenigstens.

„Mir steht er bei Frauen nicht“, klagt Fritz kleinlaut.

Rosemarie lässt nicht locker. „Wenn du dabei mit Stefan schmust?“

„Hi, hi“, kichert Stefan. „Fritz wird dich entjungfern. Ich assistiere? Wie pervers.“

„Lass mich darüber nachdenken. Ich muss jetzt in die Firma.“  Fritz wirft es ein, um endlich wegzukommen.

 

Wieder ist einige Zeit vergangen. Auch Fritz wird schon immer öfter nach seiner Freundin befragt. Langsam beginnt Fritz den Druck, dem die nun 23-Jährige Rosemarie ausgesetzt ist, zu begreifen. Die Vorstellung mit Stefan ungeniert im gleichen Haushalt zu leben, erscheint ihm immer erstrebenswerter.

 

Im Café, Rosemarie sitzt gleich mit zwei Freundinnen am Tisch, als Fritz mit Stefan das Lokal betritt, erklärt Fritz laut: „Feiern wir doch Heute unsere Verlobung.“

„Endlich, habe schon befürchtet als alte Jungfer zu sterben“, schreit Rosemarie auf.

Ihre Freundinnen schauen schockiert. „Was ist los mit dir?“ Haucht blassgeworden die Eine.

Fritz will heiraten, um mit mir zu leben“, lacht Stefan. „Es bleibt ja in der Familie.“

„Tja jetzt brauche ich nur noch das Kind.“ Rosemarie kommt auf das ursprüngliche Problem zurück.

„Das ist glaube ich nicht mehr notwendig. Als alte Jungfer genügt es, überhaupt unter die Haube zu kommen.“

Stefan wehrt ab. Ihm ist nicht wohl dabei. Fritz soll nicht mit anderen Kerlen, und schon gar nicht mit Weibern herum tun. Auch nicht mit der eigenen Schwester.

Die aschblonde jüngere der Begleiterinnen schnauft wütend auf. „Du brauchst kein Kind. Von einem Warmen schon gar nicht.“

„Hallo ist es dir lieber wenn’s ihr ein franker Kerl macht?“ Fritz will zwar nicht, aber beleidigen lässt er sich auch nicht.

„Ist ja nur, was wird aus mir?“ Du lebst mit Stefan und wo schlafe ich?“

„Ich kann dich ja auch heiraten. Du brauchst dazu kein Kind.“ Stefan stellt es sich prächtig vor. Zwei verheiratete Paare die gemeinsam in den Hotels absteigen. Wer in welchem Bett liegt, geht niemanden etwas an.

„Gut ich stelle erst einmal Fritz unseren Eltern vor.“ Rosemarie nimmt wie immer das Heft in die Hand.

 

Dominant und selbstsicher sitzt der Kerl, namens  Rosmarie und das zarte süße Mädchen, namens Fritz den Eltern gegenüber als Rosmarie den Heiratsplan eröffnet. Dem Vater fällt die Kinnlade herunter, er bringt keinen Ton heraus.

Die Mutter seufzt auf, „mein Gott Rosmarie, ich habe es schon immer befürchtet.“

„Was hast du befürchtet Mamma?“

„Das du lesbisch bist.“

 

Eine Übersicht über meine Bücher:

https://tredition.de/autoren/lutz-leopold-17664/